Die alte Dorflinde (Luther-Linde)

Vor der Hofeinfahrt des früheren Elektrogeschäfts Weber, nahe der Kreuzung der Hauptstraße (Alte Heerstraße) mit der Brunnenstraße (Sauerbornstraße), steht eine sehr alte Linde. Heute mag sie wohl manch einem eiligen Autofahrer, der aus der Brunnenstraße kommt, ein Ärgernis sein, versperrt sie doch ein wenig die Sicht auf die Vorfahrtberechtigte Straße von Ober-Erlenbach. Aber sie steht unter Denkmalsschutz und hat ein gut Teil Petterweiler Geschichte erlebt. Niemand kennt ihr genaues Alter. Sehr wahrscheinlich ist sie bald nach dem 30jährigen Kriege gepflanzt worden und wäre demnach über 300 Jahre alt. Vielleicht war sie sogar eine Friedenslinde, gepflanzt zum Dank für das Ende der schweren Kriegszeiten.

Im Volksmund heißt sie auch die "Luther-Linde". In der Tat ist Martin Luther auf dem Wege zum Reichstag in Worms (1521) durch Petterweil gekommen; er benutzte auf dem Hin- wie auf dem Rückwege die alte Nord-Süd-Straße und hat auch in Friedberg Rast gemacht. Ob man der Linde ein so hohes Alter zumessen darf, muss dahingestellt bleiben.

Noch weit bis in unser Jahrhundert hinein versammelten sich auf dem freien Platz vor ihr die Kirchgänger. Manches Fest ist unter ihren ausladenden Ästen gefeiert worden, zuletzt wohl die Friedensfeier nach dem Kriege von 1870/71. Auch im wörtlichen Sinne hat sie manchen Sturm erlebt. Ein solcher brach ihr gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts die ganze Krone ab, und besorgte Bürger pflanzten ihr zur Seite eine junge Linde, um die Tradition des Platzes zu wahren. Aber es kam anders als man gedacht hatte: Die alte Linde erholte sich, schlug wieder aus und wurde kräftig wie eh und je; der junge Baum aber ging im kalten Winter 1929/30 ein.

Als die Linde jünger war, gab es neben ihr noch keine Häuser. Sie stand auf freiem Anger, und erst an der Haingasse begann der Ort. Dort verlief die Ortsbefestigung. Erst in jüngster Zeit kam ihr der Ort immer näher, und nun beginnt er gar, sie mit den neuen Siedlungen zu umklammern. Aber sie wird auch in der ungewohnten Umgebung wohl noch manche Generation kommen und gehen sehen.

 

Literatur

Nach: Chr. Lenhardt, ,,Die alte Dorflinde" in ,,Heimatglocken", Nr.2 (6. Jahrgang), Reichelsheim 1930.

Aus: "Petterweil - Aus der Geschichte eines Wetterau-Dorfes", 1967, Heinz-Felix von Gruner, Walter F. E. Resch

 

Die alte Petterweiler Kirche

Unsere Dorfkirche, mit ihrem einfachen achteckigen Turm gegenüber mancher Kirche in der Umgebung sehr schlicht, blickt auf ein hohes Alter zurück. Etwa um das Jahr 800 ist hier die erste Kapelle errichtet worden (Steitz). Andere Verfasser datieren den noch erhaltenen östlichen Teil um das Jahr 900 (U.GT.:1936, 1/6).

Wie schon im Kapitel ,,Die Anfänge der Geschichte" erwähnt, deuten Anzeichen darauf hin, dass die Gründung der Pfarrei Petterweil noch früher erfolgte (Kropat: 1964, 47). Vielleicht gab es vor der ersten steinernen Kapelle schon eine kleine Holzkirche. Die Kapelle ist dem heiligen Martin geweiht; auch darin kann ein Anzeichen für die sehr frühe Gründung der Pfarrei gesehen werden. Um 1500 taucht ein weiteres Patrozinium auf, und von da ab ist die Kirche dem heiligen Martin und dem heiligen Bonifatius geweiht. Die Kapelle ist im 9. Jahrhundert Taufkappelle für mehrere Orte des Niddagaues, so für Okarben, Kloppenheim und (das untergegangene) Hulshofen (Steitz).

Um 1200 wird die Kirche vergrößert und nach Westen angebaut; außer einigen noch sichtbaren Teilen des Fundaments ist der romanische Sandstein-Torbogen in der Westfassade das schönste Zeugnis dieser romanischen Kirche. Aus der gleichen Zeit stammt der alte Taufstein. Bald danach baut Okarben selbst eine Kirche und wird 1295 von Petterweil gelöst; "Teil dieser Handlung müssen politische Gründe entscheidend gewesen sein. Sie erfolgte in dem Zeitabschnitt, da die Gemarkung Petterweil durch Landwehren nach Kloppenheim und Okarben hin gesichert ward" (cit. Steitz). In der Reformation wird das ganze Dorf und mit ihm die Kirche evangelisch. 1585 erfolgt ein weiterer Umbau; die Jahreszahl ist an den Türen noch zu sehen.

1635 wird die Kirche in den Kriegsereignissen des 30jährigen Krieges schwer beschädigt. Erst 1653 wird sie vollständig wiederhergestellt und hat seitdem ihre Gestalt nicht mehr wesentlich verändert. 1788 erhält die Kirche größere Fenster. 1905 und 1906 wird die Westmauer, die sich auszuwölben begann, durch zwei Stützpfeiler verstrebt. Die letzte große Reparatur erfolgte 1959, als der Turm neu gedeckt und verkleidet wurde.

Die Zerstörung im 30jährigen Krieg und der Wiederaufbau sind in einer Inschrift niedergelegt. Sie ist sehr schwer zu entziffern und befindet sich an der großen Säule hinter dem Altar. Die Inschrift und ihre Übersetzung lauten:

CHRONOSTICON ANNO DESTRUCTIONIS MDCXXXIIIII DENVO

SACRA DESTRUCTA EST AEDES GRASSANTE ET IN ARVIS

PUGNA TEUTONIGIS HOC PESTICHO ANNO ERAT

ANNO REPARATIONIS MDCLIII DIVINAE PROVIDENTIAL SUAVIS

NUTU IN HONOREM PACE DATA JESHU DENVO REPARATA EST

"Chronik. Im Jahre der Zerstörung 1635 wurde das heilige Haus neuerdings zerstört, während in deutschen Landen der Krieg wütete; in diesem Pestjahre war es.  Im Jahre des Heils 1653, da durch Ratschluss der süßen göttlichen Vorsehung der Friede uns wiedergeschenkt war, wurde es zu Ehren Jesu wiederhergestellt" (Steitz: 1937, 13/7).

 

Literatur : Steitz, Heinrich: "Die Pfarrei Petterweil von ihrer Gründung bis zur Reformation", unveröffent­lichtes Manuskript. Steitz,  Heinrich: "Die Säuleninschrift" in "Heimatglocken"> 13. Jahrgang 1937. "Unser Gotteshaus" in "1 Heimatglocken" 12. Jahrgang 1936 (ohne Verfasser). Kropat, Wolf Arno: "Reich, Adel und Kirche in der Wetterau von der ,Karolinger- bis zur Stauferzeit" in "Wetterauer Geschichtsblätter" Band 13, Friedberg 1964. Quelle: Petterweil – aus der Geschichte eines Wetterauer Dorfes; Heinz-Felix von Gruner, Walter F. Resch, 1967